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www.turfkoenig.de : Kommentar : Fußball - Galopprennen 1:0

Was haben Fußball und Galopprennen gemeinsam, außer Ulli Potofski, und der Tatsache, dass beides von den Engländern erfunden wurde? Zeit für eine kleine Betrachtung.

Was der Galopprennsport vom Fußball lernen kann

Nehmen wir zum Beispiel "Zuschauer". Zuschauer sind bei Fußballspielen und auf Renntagen zugegen. Während es in Japan zwar Phantomrenntage geben soll, an denen zigtausende Zuschauer auf der leeren Rennbahn die Übertragung auswärtiger Rennen ansehen, gibt es Pferderennen und Fußball nie vor leerer Kulisse - es sei denn, die Fußballfans haben sich durch schlechtes Benehmen vorher quasi selbst disqualifiziert (die sogenannten "Geisterspiele").


Was motiviert die Zuschauer der beiden Sportarten, Stadion bzw. Rennbahn zu besuchen? Da man so gut wie jedes Spiel der Bundesliga auch im Fernsehen anschauen könnte, ist ein Fußballzuschauer nicht durch sein Informationsbedürfnis angetrieben, ins Stadion zu gehen. Zuhause wäre es wahrscheinlich wärmer, und die Abseitsentscheidung des Schiedsrichters wird in Zeitlupe aufgelöst.


Wer ins Stadion geht, tut das nicht des eigentlichen Spiels wegen, sondern wegen der Atmosphäre, den Freunden, und vor allem der Mannschaft. Ins Stadion geht man weniger als Zuschauer, mehr als Fan. Deutlich wurde das bei der WM 2002 in Korea/Japan, als zahlreiche einheimische Stadionbesucher "fremde" Fahnen schwenkten. Für den Besuch im Stadion ist Identifikation ein Schlüsselwort.


Galopprennen haben eine minimale TV-Präsenz. Im Internet kann man die Rennen mitverfolgen, der Informationsgehalt von beidem ist aber dem "selbst sehen" keineswegs ebenbürtig. Natürlich kommen nicht viele Besucher auf die Rennbahn wegen der Möglichkeit, am Führring zu stehen.
Sie bekommen aber auf der Bahn deutlich mehr geboten als zuhause oder auch beim Buchmacher. Für viele Rennbahnbesucher spielen die Atmosphäre und das Treffen von Freunden eine genauso große Rolle wie für die Stadionbesucher. Der Faktor Identifikation ist im Galopprennsport völlig untergeordnet und spielt nur bei beruflich (Pflegemädchen, Arbeitsreiter) bzw. finanziell (Besitzer, Trainer) eingebundenen Menschen eine Rolle. Diese sind jedoch nicht als Zuschauer zu betrachten.


Es gibt eine Gemeinsamkeit von Stadion- und Rennbahnbesuchern, die nicht so augenfällig ist: beide sind durch Ehrgeiz motiviert. Beim Fußballfan der Wunsch, dass seine Mannschaft gewinnt, beim Zocker der Wunsch, dass sein Pferd gewinnt. Erhält der Fußballfan nur eine abstrakte Gratifikation, wenn sein Wunsch erfüllt wird, bekommt der Zocker die Erfüllung sogar bar ausgezahlt.


Wie einfach wäre es nun, dem Zocker die Identifikation mit dem von ihm bewetteten Team Pferd/Jockey zumindest für das eine Rennen zu unterstellen. Wer direkt im Anschluss an ein Rennen beobachtet, wie manche Wetter auf den Jockey schimpfen, weil ihr Tipp nicht aufgegangen ist, kann das sofort widerlegen. Was beim Fußballspiel so selten ist, dass es, wenn es vorkommt, am nächsten Tag in der Zeitung steht, nämlich der geballte Unmut der Fans gegen die eigene Mannschaft, tritt im Rennsport zwar nur individuell, dafür aber nach jedem Rennen auf. Besonders deutlich zu beobachten ist das in Wettlokalen.


Betrachten wir die Wahrnehmung der Veranstalter, was die Zuschauer betrifft. Es wird Eintritt kassiert, wobei Fußballfans bereit sind, wesentlich höhere Preise zu zahlen (wegen der Identifikation). Besucher von Pferderennen zahlen weniger, haben dafür aber auch weniger Komfort: Sie sind dem Wetter mehr ausgesetzt, finden schlechtere sanitäre Einrichtungen vor und können viel weniger Sitzplätze in Anspruch nehmen. Weil es keinen Kartenvorverkauf gibt, können die Rennbahnbesucher außerdem zeitnäher entscheiden, ob sie überhaupt hingehen - für den Veranstalter ein größeres Risiko bei extremer Wetterlage.


Sicherlich werden nicht alle Kosten eines Fußballspiels durch die Eintrittspreise und die Gastronomie gedeckt, da gibt es z. B. auch noch Sponsoren und den Trikotverkauf (Stichwort I... na, Sie wissen schon) - beim Galopprennen ist der Umsatz das ausschlaggebende Merkmal dafür, ob ein Renntag gut besucht war oder nicht. Ein guter Besucher ist also, wer viel wettet. Diese Einstellung gipfelt in der Formulierung "Wir veranstalten keine Galopprennen, sondern 'Wett-Rennen'". Abgesehen davon, dass eine solche Sichtweise nicht dem durch das Gesetz festgelegten Zweck der Rennveranstaltungen entspricht, verhöhnt sie auch diejenigen Zuschauer, die eben "nur" wegen der Atmosphäre oder den Freunden auf die Rennbahn kommen. Nur-Zuschauer bringen dem Rennverein finanziell so wenig wie Discobesucher dem Tanzlokal, die dort nur tanzen wollen. Die Marge macht man in der Disco mit den Getränken. Und damit man auch einen Ansturm von Abstinenzlern übersteht, wurde dort der Mindestverzehr eingeführt.


Wenn der Umsatz auf den Rennbahnen nun so entscheidend ist, warum wird dann der Eintrittspreis so selten mit einem Mindestverzehr (Wettgutschein) gekoppelt? Die positive Wirkung (dass dadurch jeder lernt, einen Wettschein auszufüllen, und dass die Hemmschwelle, um Geld zu spielen, gesenkt wird), wird grob unterschätzt!


Und warum wird den Rennbahnbesuchern in allen Medien der mangelhafte Umsatz, den sie machen, um die Ohren geklatscht, so, als trügen sie allein die Verantwortung für den Fortbestand des Galopprennsports? Wirft der Fußballverein seinen Fans den spärlichen Besuch vor? Wenn Rostock rekordartig Heimspiele verliert, wer wird es den Zuschauern verübeln, wenn sie lieber zuhause bleiben? Wenn Bayern München spielt, ist das Olympiastadion immer halbleer, auch wenn der Deutsche Meister der Herausforderer ist. Hier liegt auf Seiten des Galopprennsports eine Respektlosigkeit vor, die ihresgleichen sucht: nicht der Zuschauer ist die Misere des Veranstalters schuld, sondern allein der Veranstalter selbst. Mangelhafte Infrastruktur, schlechte Organisation (z. B. Verspätung), nicht genügend kommunizierte Veranstaltungstermine, das sind Gründe für schlechten Besuch und in der Folge schlechten Umsatz auf den Rennbahnen - und es liegt beim Veranstalter, das zu ändern, nicht beim Besucher. Wenn Hansa Rostock wieder Form hat, kehren die Zuschauer auch wieder zurück. Diejenigen, die trotz der Misere kommen, tun dies aus ...? Identifikation.


Was der Galopprennsport vom Fußball lernen kann: Respekt vor seinen Besuchern. Und Möglichkeiten zur Identifikation schaffen. Das bindet die Fans und hilft, Sponsoren zu gewinnen. Die einen wiederum unabhängiger vom Umsatz machen.

www.galopplinks.de präsentiert weiterführende Links:

http://www.potofski-production.de/
http://www.fc-hansa.de/


Letzte Änderung: 02.12.2004
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