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Drei beliebte Klagen über die Lage im Galopprennsport. Heute schon gejammert?"Es ist so schwer, Leute für den Galopprennsport zu begeistern, weil er so kompliziert ist!"
Jetzt kommen die Liebhaber von Fachwörtern wie "Generalausgleichsgewicht", "Platzzwilling" und "ausgehandicapt". Die wird tatsächlich ein Neuling auf der Rennbahn nicht ohne weiteres deuten können. Sind Galopprennen also im Detail wirklich zu kompliziert? Wie aber hat es dann der Fußball geschafft, die Massen zu elektrisieren, obwohl ein Phänomen wie "Abseits" angeblich so kompliziert ist, dass es die Hälfte der Menschheit (Frauen) nicht verstehen kann? Jede Sportart hat ihre eigenen Regeln und ihr eigenes Fachchinesisch, das ist beim Sumo (Kazikoshi? Yokosuna?) genauso wie beim Dressurreiten (Piaffe? Passage?), Kricket, Dart, Snowboarding, oder eben Fußball und Galopprennen. Konzepte wie Nachspielzeit oder der Modus, nach dem ein K.O.-Spiel bei einer Fußball-WM entschieden wird, kann man in wenigen Sätzen erklären, und auch Begriffe und Konzepte aus dem Galopprennsport kann man Einsteigern einfach vermitteln. Man muss nur etwas mehr dafür tun als den 100. Nachdruck des "kleinen Galoppsport-ABC" in Auftrag zu geben. Man braucht dafür kundenfreundliches Personal an den Wettschaltern und am Informationsstand, das mehr drauf hat, als Kugelschreiber zu verkaufen oder Scheine in Automaten zu schieben. "Der Galopprennsport hat es so schwer in den Medien, weil er keine Stars hervorbringt!" Folgt man dieser Aussage, dürfte das Deutsche Derby nur noch Listen-Status haben, und die Lufthansa könnte ihre Sportpferde-Boxen auf eBay stellen. Rennpferde in Deutschland haben seit Mitte der 90-er Jahre mehr Star-Potenzial als je zuvor. Der Sieger der World Series stammt von deutschen Vollblutpferden, wurde hier geboren und trainiert. Und auch wenn man sich streiten kann, ob Epalo wirklich besser als Lando oder Platini ist... diese Diskussion ist genauso erlaubt wie die Frage nach dem Fußballer des Jahres. Es ist auch nicht wirklich wichtig, ob es sich um ein deutsch gezogenes oder auch nur in Deutschland laufendes Pferd handelt. Leistung zählt. Die "passende" sprich die selbe Nationalität erleichtert nur die Popularisierung. Dubai Millennium oder Viking Flagship haben auf der ganzen Welt Fans - und Fans sind es, die Stars machen. Der Rennsport hat übrigens nicht nur vierbeinige Stars, das wird gerne übersehen. Auch Jockeys sind Stars - und das mit Recht. Unter widrigen Lebensumständen sportliche Höchstleistungen zu vollbringen, und dabei außerdem nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Leben zu riskieren - das ist Heldenmaterial. Bei dieser Formulierung werden einige Leser grinsen müssen, weil sie das abwegig finden. Die kleinen Männlein - Helden? Widrige Lebensumstände? "Mann, die sind jeden Tag wieder früher zuhause als ich." Leben und Gesundheit riskieren? "Sie bekommen doch dafür bezahlt." Seine Gesundheit hat Peter Gehm teilweise verloren, Hans Strompen und Josef Dolejsi sind tot. Die widrigen Lebensumstände kann nachempfinden, wer einmal eine Brigitte-Diät durchgestanden hat, und die dauert nur eine Woche, nicht das gesamte Berufsleben hindurch. Heldentum ist allerdings schwierig in einem Land, in dem die Größe von Dirk Nowitzki dem Schönheitsideal näher kommt als die von Andrasch Starke. Fans machen Stars - und die Medien. Wenn die Medien den Fans kein Futter geben, verhungern diese. Anbiedern und Schulterklopfen, die Spezialität der galoppsportspezifischen Medien in Deutschland, reichen nicht, um Stars aufzubauen. Hierfür bedarf es Breite und Tiefe in der Berichterstattung - Menschliches über das Faktische hinaus. "Der Hammer schlägt wieder zu!" hat einen gewissen Informationsgehalt, bietet aber darüber hinaus nichts, was den Dänen zum Star machen könnte. Der Galopprennsport hat Star-Potenzial bei den Pferden und bei den Jockeys. Trotzdem ist Soldier Hollow weniger bekannt als For Pleasure, und Terry Hellier weniger als Nadine Capellmann. Schuld daran sind weder das Pferd noch der Jockey - beide machen ihren Job überdurchschnittlich gut. Es liegt an den Medien, etwas daraus zu machen, und dazu zählen auch so "unscheinbare" Publikationen wie Rennprogramm oder Presse-Mitteilungen des Direktoriums. Stars zu machen ist nicht notwendigerweise Einschleimen oder Partei-Ergreifen, wenn man den Grundsatz nicht aus den Augen verliert: Leistung zählt. Ehre, wem Ehre gebührt. "Es ist so schwierig, neue Leute auf die Bahn zu bekommen, weil der Galopprennsport nichts für normale Pferdeleute ist!"
Das Publikum auf der Equitana setzt sich vor allem aus Reitern zusammen, die entweder schon ein Pferd oder mehrere haben, oder zumindest eine Reitbeteilung, und weil Pferdeleute Rassisten sind, interessieren sie sich in allererster Linie für "ihre" Pferde, seien das Holsteiner, töltende Traber, Andalusier oder Minishettys. Sie möchten günstiges Zubehör kaufen und sich über neue Produkte informieren, und vor allem Menschen kennenlernen, Kontakte knüpfen und Pferde sehen. Wenn sie nicht offen für Neues wären, würden sie aus dem Katalog bestellen, statt auf eine Messe zu gehen.Und genau deswegen muss sich der Galopprennsport auf einer solchen Messe präsentieren. Die "Wendy-Truppe" wird geschlossen (und giggelnd) an dem Stand vorbeigehen. Das ist kein Verlust. Aber angesprochen werden diejenigen, die sich schon einmal überlegt haben, auf eine Rennbahn zu gehen, Warmblutleute, die für den Sport züchten (die waren kurz vorher wahrscheinlich bei dem Pferdetransporter) und viele Skeptiker, die Galopprennen zumindest latent für Tierquälerei halten. Und genau mit denen tritt man in den Dialog. Der Warmblutzüchter wird wahrscheinlich nicht gleich nach dem ersten guten Halbblutfohlen einen Rennstall aufmachen - aber er wird seine Geschäftsfreunde vielleicht einmal mit auf die Rennbahn nehmen, wenn es etwas zu feiern gibt. Der Interessierte wird sich Informationsmaterial mitnehmen und den Besuch einer Rennbahn fester ins Auge fasssen. Und mit dem Skeptiker kann man zum ersten und einzigen Mal sprechen - denn er würde von sich aus nie eine Rennbahn besuchen. Jetzt sagen sie vielleicht: "Das ist auch gut so." Aber das ist es nicht. Vorurteile sind gefährlicher als Fakten. Der Rennsport hat einiges, was Pferdeleuten aus anderen Reitsportarten aufstößt, und zum Teil auch zu Recht. Genauso geht es dem Springsport, Polo, Reining und der Gangpferdeszene. Die dümmste Reaktion auf Kritik ist immer noch die alte Leier: "Bei den Freizeitreitern geht es den Pferden noch viel schlechter als im Rennsport." Schwarzen Peter rübergeschoben - Gewissen sauber. So wird man wirklich niemanden davon überzeugen, dass Galopprennen akzeptabel sind. Beim CHIO Aachen ist anderes Publikum als auf der Equitana. Publikum, das in der Regel viel Geld in der Soers lässt, und daher auch auf einer Rennbahn gern gesehen werden dürfte. Dieses Potenzial zu "aktivieren", ist eine Aufgabe, für die der Galopprennsport wohl nur die Heinzelmännchen vorgesehen hat. Denn wahrscheinlich ist der Rennverein der erfolgreichste in Deutschland einer, der gar keine Rennen veranstaltet: der Aachen-Laurensberger Rennverein.
Letzte Änderung: 28.01.2005 |